Das Konzept

Wie wohl jede Kindergruppe wollen auch wir jedem Kind die Möglichkeit geben, sich individuell zu entwickeln, und es umfassend fördern, d. h. im emotionalen, sozialen, motorischen und geistigen Bereich. Deshalb möchten wir versuchen, insbesondere das, was uns vielleicht von anderen Einrichtungen unterscheidet, hervorzuheben.

Basteln mit Knete

Basteln mit Knete

Als kleine, familiäre, altersgemischte Einrichtung einer Eltern-Initiative identifizieren wir uns mit dem ko-konstruktiven Ansatz des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans. Es gehörte immer schon zu unserem Selbstverständnis, Eltern wie Kinder so weit wie möglich an allen sie betreffenden Prozessen zu beteiligen. Es widerspräche dem für neue Anregungen stets offenen und auf Teamarbeit (innerhalb des Betreuungspersonals wie zwischen diesem und den Eltern) gründenden Geist der Gruppe, alles bis ins Kleinste und ein für alle Mal festzuschreiben. Vor allem Inhalte passen wir den Bedürfnissen von Kindern und Eltern und den Fähigkeiten der Mitarbeiter(innen) an. Was sich nicht so leicht ändert, sind unsere Haltungen, auch wenn wir bereit sind, sie immer wieder zu hinterfragen.

Das Ziel der umfassenden Entwicklung und Förderung berührt drei Dimensionen unserer Arbeit (die nicht als starr voneinander abgegrenzte Bereiche misszuverstehen sind): Spiel, Bildung (im engeren Sinne) und Wertevermittlung. Getreu unserem Motto „Matsch und Mathe, Wald und Vivaldi“, halten wir es nicht für sinnvoll, eine Dimension gegen die andere auszuspielen, und vereinen bewusst Elemente verschiedener pädagogischer Ansätze. Freispiel und gelenkte Aktivitäten stehen für uns nicht im Widerspruch, sondern ergänzen einander. Es ist diese Ausgewogenheit, die unsere Gruppe ausmacht und auf die wir – bei aller Offenheit – nur unter Verlust unserer Identität verzichten können.

Spiel – Bildung – Wertevermittlung

Spiel

Die Grundbedingung für die Förderung der Entwicklung von Basiskompetenzen wie ein positives Selbstwertgefühl, Stressbewältigung und Resilienz, emotionaler Stabilität, Problemlösungskompetenz, Neugier, Verantwortungsbewusstsein u. v. m. ist – was die Kindergruppe betrifft -, neben einer gelingenden Erziehungspartnerschaft von Eltern und Team, eine stabile und enge Beziehung zwischen jedem einzelnen Kind und seinen Erzieher(inne)n; konkret: die Möglichkeit, trotz der massiven Steigerung der bürokratischen Anforderungen, weiterhin nah bei den Kindern zu sein und so zu wissen, was sie bewegt, ihr Vertrauen zu gewinnen und es uns täglich neu zu verdienen.

Nur wenn wir die Zeit mit ihnen und nicht im Büro verbringen (der Hessische Erziehungs- und Bildungsplan spricht von der „Teilnahme am Spielen und Lernen der Kinder“), können wir im Alltag liegende Bildungschancen realisieren und der Gefahr einer Verschulung mit aufeinander folgenden abstrakten „Unterrichtseinheiten“ entgehen, nur dann kann Bildung der ko-konstruktive Prozess von Kind und Erzieher(in) sein, auf dem der Hessische Erziehungs- und Bildungsplan basiert und der unserem Selbst- und Rollenverständnis entspricht. Das bedeutet auch, zuerst einmal mit den Kindern zu sprechen, bevor man über sie spricht.

Nur dann können wir weiterhin unsere altersgemischte Gruppe nach Bedarf nach Interessen und Bedürfnissen teilen (und nicht – wenn überhaupt – der Einfachheit halber allein nach Alter) und so den großen Vorteil einer altersgemischten Gruppe realisieren: dass Kinder leichter von anderen (älteren) Kindern lernen als von Erwachsenen. Nur dann können wir weiterhin individualisierte Angebote machen und im Sinne des Scaffolding Impulse setzen.

Spiel

Oberstes Ziel ist es, Freiräume (sowohl räumlich wie inhaltlich) zum fröhlichen und interessanten gemeinsamen Spielen schaffen, um zu einer schönen Kindheit beizutragen. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Anforderungen und vor allem ökonomische Motive und Überlegungen zunehmend auf die Arbeit in Kindergruppen einwirken, klingt dies vielleicht weniger trivial als noch vor einigen Jahren. Die Möglichkeit, Lust an körperlicher Betätigung und an der eigensinnigen Konstruktion von (Un-)Sinn auszuleben, darf nicht geopfert werden. Es erscheint uns unabdingbar für die Erfahrung von Autonomie und für die Entwicklung von Selbstbewusstsein und -vertrauen. Dabei sind Spielen und Lernen für uns keine Gegensätze. Wie das Spiel durchaus zu Erkenntnisgewinnen führen mag, bedarf selbst Forschung noch eines spielerischen Moments.

Bildung

Dem entspricht ein nicht auf kognitive Wissensaneignung reduzierter Bildungsbegriff. Im Zentrum steht weniger das „Was“, sondern vielmehr das „Wie“ des Lernens. Wir wollen Angebote unterbreiten und Anregungen der Kinder aufgreifen, um die kindliche Neugier und den Forscherdrang wie auch das (künstlerische) Ausdrucksbedürfnis zu befriedigen und zu fördern, um die Kinder so die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Talente erkennen zu lassen. Die Erfahrung, dass man weder alles gleich können noch in allem gleich gut sein muss, dass jede(r) Stärken und Schwächen hat, man aber mit ein wenig Übung meistens besser wird, scheint uns grundlegend. Wir bemühen uns, die Lernkompetenz zu fördern, indem wir die Kinder ermuntern, ihre Lernprozesse zu reflektieren. Bildung beginnt für uns nicht erst mit der Schule oder Vorschule und beschränkt sich auch nicht auf schulische Inhalte. Je näher der Übergang in die Schule rückt, desto höher wird der Anteil an vom Team geplanten und initiierten Lernaktivitäten. Wir versuchen, den Kinder den Übergang in ihr späteres (Schul-)Leben zu erleichtern, indem wir ihnen einige für die Schule relevante Schlüsselqualifikationen spielerisch, aber gezielt vermitteln und sie ggf. fördern, damit ihnen beim Übergang in die Schule die negative Erfahrung, „nicht mitzukommen“, erspart bleibt.

Werte

Ausflug zum neuen botanischen Garten

Ausflug zum neuen botanischen Garten

Vor allem am Herzen liegen uns: die Achtung vor anderen Personen, ihren Bedürfnissen und Wünschen, aber auch vor anderen Lebewesen und der Respekt vor Dingen. Dies schließt einen verantwortlichen Umgang mit Ressourcen ein. Wir möchten, nicht zuletzt durch unser Beispiel, die Bedeutung von Rücksicht auf Kleinere oder Schwächere und Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber anderen Personen wie deren Arbeiten und Ideen vermitteln, insbesondere dann, wenn sie uns „anders“ erscheinen als wir.

Diesem dreigliedrigen Ansatz versuchen wir auf folgende Art gerecht zu werden:

Spiel
Wir bieten eine Mischung aus freiem Spiel und gezielten Angeboten (es besteht kein Mitmachzwang), dabei reagieren wir auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder, machen aber auch von uns aus Angebote, um den Kindern die Gelegenheit zu geben, erstere zu erkennen. Möglich sind sowohl Aktivitäten mit der gesamten Gruppe wie in altersheterogenen oder altershomogenen Kleingruppen. Neben ständigen Angeboten (wie Basteln, Malen, Vorlesen etc.) finden immer wieder neue, aber auch sich wiederholende Projekte statt, die wir gemeinsam mit den Kindern besprechen und „auswerten“. Die Räumlichkeiten, die den Kindern frei zugänglich sind, werden häufig verändert und neue Materialien zur Verfügung gestellt, die die Kinder selbstbestimmt auswählen. Unser großes, verkehrsberuhigtes Außengelände nutzen wir täglich.

Bildung
Wir erkunden unsere nähere (Museen, Botanischer Garten, Stadtbücherei etc.) und weitere Umgebung (Waldprojekt, Floßprojekt, Bauernhofbesuche, Reitkurs), besuchen das Altenwohnheim in der Nachbarstraße, die Feuerwehr, das Chemikum oder das Mathematikum in Gießen und lernen die Berufe der Eltern kennen, indem wir sie auf ihrer Arbeitsstelle aufsuchen oder sie zu uns in die Gruppe kommen lassen. Dem umfassenden Bildungsideal gemäß, bieten wir neben den täglichen musischen Aktivitäten, je nach Gruppenzusammensetzung, bis zu zwei interne Kurse musikalischer Früherziehung („Musikater“ und „Tripptrappmaus“) und externe Veranstaltungen wie z. B. Trommelworkshops oder auch Malkurse (in Projektform) und Theater- oder Kinderoperbesuche. Die im engeren Sinne schulvorbereitenden Aktivitäten sind die Sprachförderung nach dem Würzburger Programm oder die frühe mathematische Bildung.
Da wir den Kindern die (insbesondere sinnliche) Erfahrung anderer Lebensräume und den Kontakt zu anderen Lebewesen nicht vorenthalten möchten, findet alljährlich ein sechswöchiges Waldprojekt statt. Zudem haben wir einen Gemüse- und Kräutergarten und – für viele Kinder das Highlight des Jahres – veranstalten einen Reitkurs, der Fütterung und Pflege genauso einschließt wie eine Kutschfahrt mit versammelter Mannschaft und das eigentliche Reiten.

Werte
Ein liebevolles und achtsames Miteinander-Umgehen und Handeln innerhalb der Gruppe stellt für uns die wichtigste Basis der Wertevermittlung dar.
Dabei sind wir uns unserer Vorbildfunktion bewusst. Denn nur so können Werte für die Kinder tatsächlich erleb- und annehmbar werden. Wir gehen auf die Bedürfnisse der Kinder ein, indem wir sie den Tagesablauf und die Inhalte so weit wie möglich mitgestalten (aber nicht vollständig bestimmen) lassen. Auftretende Konflikte versuchen wir zum Thema zu machen und gemeinsam zu lösen. Durch möglichst vielfältige Angebote, lassen wir die Kinder die Erfahrung machen, dass es normal ist, das eine besser, das andere weniger gut zu können. Unserer Meinung nach fördert diese Erkenntnis den Respekt vor anderen und ihren Leistungen. Gerade altersgemischte Gruppen lassen nicht nur Kinder auf natürliche Art von (älteren) Kindern lernen, sondern fördern in besonderem Maße Hilfsbereitbereitschaft und Verantwortungsgefühl sowie Gruppenidentität und Solidarität, und laut Bildungsplan spielen Jungen und Mädchen öfter miteinander als in altershomogenen Gruppen. Auch indem wir allen Personen gegenüber offen sind, die den Wunsch haben, sich aktiv zu beteiligen, seien es Freiwilligendienstler(innen), Praktikant(inn)en, Kursleiter(innen) oder Eltern, möchten wir diese Haltung auch den Kindern vermitteln. Diese Unvoreingenommenheit und Neugier gilt auch auf interkultureller Ebene, was sich in einer Vielzahl von Projekten zeigt, die diesbezügliche Kenntnisse und Erfahrungen von Mitarbeiter(inne)n und Eltern bzw. Kindern nutzen. Waren es früher eher Mitarbeiter(innen), so hat sich in den letzten Jahren der Anteil von Kindern aus binationalen oder nicht-deutschen Familien erhöht. Haben wir uns früher auf eine „Reise um die Welt“ begeben und mit japanischen Studenten aus der Nachbarschaft Tee getrunken oder übers Internet Kontakt zu einem leibhaftigen Polarforscher aufgenommen (worüber am Ende sogar die „Frankfurter Rundschau“ berichtet hat), so ist die Welt nun zu uns in die Kindergruppe gekommen. Die Kinder machen neue kulinarische Erfahrungen durch die von den Eltern zubereiteten Speisen und lernen, dass ein Kind kein Deutsch spricht, aber dafür schon zwei andere Sprachen, dass die Musik vielleicht anders klingt oder andere Feste gefeiert werden.